kurzer Zwischenbericht

09.07.2009

Schon mehr als eine Woche ist seit meinem letzten Post vergangen und so wird es meiner Meinung nach mal wieder Zeit für einen kleinen Zwischenbericht.

Zunächst ist wohl zu klären, warum ich nicht mehr so viel blogge wie in den ersten 2 Wochen. Nun, das mag daran liegen, dass ich mich nun ziemlich gut eingelebt habe und fast jeder Abend verplant ist. Andererseits gewöhnt man sich relativ schnell an die vielen kleinen Dinge, die den Unterschied zwischen Deutschland und China ausmachen. So vermisse ich Mineralwasser mit Kohlensäure oder Brezeln doch sehr. Beides ist hier zwar schon erhältlich, doch ziemlich teuer und auch nicht im nächsten Supermarkt, dem Auchan, der Supermarkt mit den 110 Kassen, zu bekommen.

Letztes Wochenende war ich mit meinem Mitbewohner Sebastian und 10 anderen Interns wieder in Shanghai zum Bogenschiessen; übersetzt auf Englisch übrigens archery. Und auch sonst hatten wir eine gute Zeit im Nachtleben von Suzhou und Shanghai und ich habe meinen ersten Besuch in einer chinesischen Disco hinter mir.

Ich hatte bereits vor zwei Wochen zwei Anzüge und zwei Hemden bei einem Schneider bestellt, die ich am Montag abholen konnte. Umgerechnet 140 € für maßgeschneiderte Kleidung ist wohl ein unschlagbares Angebot. Der Anzug passt wirklich sehr gut und ich hatte wohl noch nie eine so gut sitzende Hose. Auch die Qualität scheint mir sehr ordentlich, wobei ich das natürlich nicht im Detail beurteilen kann.

Mittags gehe ich nun nicht mehr so oft in die Kantine, sondern mit meinem Betreuer und anderen Expats, also Bosch Mitarbeitern, die 3 Jahre im Ausland arbeiten, in westliche Restaurants. Das ist zwar ziemlich teuer, doch ich erfahre so einiges über die internen Abläufe in der Firma und auch so manch anderes. Außerdem hatte ich, als ich mit meinen chinesischen Kollegen essen ging, das Problem, dass sie sich zwar bemüht haben englisch zu sprechen, doch sehr oft ins Chinesische wechselten, so dass ich nicht am Gespräch teilnehmen konnte. Das soll allerdings kein Vorwurf sein; ich denke einem Chinesen würde es in Deutschland oft auch so ergehen.

Dank Sebastian gleiche ich das westliche Essen wieder aus, denn seit letzter Woche gehe ich zwei mal pro Woche ins Fitnessstudio und bin noch ziemlich motiviert.

Mit meinem Projekt bin ich ganz gut vorangekommen, auch wenn es zwischenzeitlich wenig zu tun gab, so dass ich zwar die Software auf einem aktuellen Stand hatte, die Hardware aber nicht verfügbar war. Dafür ist mein Projektbericht in dieser Zeit umso länger geworden.

Inspiriert von Alexanders Blog will ich auch mal ein paar chinesische Autos beschreiben. Alle Taxis sind VW Santanas oder Passats. Hier hat VW oder dessen Joint Venture Partner sicher ein gutes Geschäft gemacht. Bei einem Taxi habe ich einen Kilometerstand von über 600.000 km abgelesen, das spricht natürlich für die Qualität. Neben den vielen Taxis sieht man viele GM bzw. Buicks oder Chevrolet, ferner französische Autos, z. Bsp. Peugeot und  Nissan sowie Hyundai und Kia Motors. Deren Modelle haben häufig andere Namen oder sind mir gänzlich unbekannt. Ab und zu sieht man auch mal eine Mercedes S-Klasse, einen Porsche Cayenne oder einen Audi, allerdings längst nicht so häufig wie in Stuttgart. Dennoch ist China wohl der größte Markt für die Mercedes S-Klasse. Hinzu kommen immer mehr einheimische Marken wie BYD, Build your dream, Great Wall oder Cherry.

BYD

Dank der anderen Praktikanten werde ich vom Freitag abend bis zum Sonntag auf einen Trip in die gelben Berge mitgehen, worauf ich mich schon sehr freue. Warum dies so ist beantwortet folgendes Bild ganz gut, denke ich:

Cayenne

上海 – Shanghai

28.06.2009

Vor zwei Tagen war es soweit. Mein Mitbewohner und ich machten uns auf nach Shanghai, der 15 Mio. Einwohner Metropole, die ehemals nur als Hafen für Suzhou diente. Doch diese Zeiten sind längst vergangen. Shanghai ist eine boomende Stadt, in der 2010 die Expo stattfinden wird, was man an zahlreichen Baustellen auch deutlich bemerkt.

Doch von Anfang an: Nach Shanghai brachte uns ein moderner Zug, der sogar dem deutschen ICE mit 350 km/h Höchstgeschwindigkeit (die allerdings zwischen Suzhou und Shanghai nicht gefahren werden) noch überlegen ist. Die erste Klasse kostet umgerechnet grob 3 € und bietet einen Komfort, den man sich während der halbstündigen Fahrt auch gerne gönnt. Die Bahnhöfe in China gleichen dabei allerdings mehr internationalen Flughäfen, die riesige Menschenmassen bewältigen können. Man kann nicht direkt am Bahnsteig warten, sondern wird von einem Warteraum dort hin gewiesen.

Der Zug

In Shanghai angekommen galt es, sich mit der Metro vertraut zu machen und die Jugendherberge zu finden. Dank einer guten Beschreibung im Internet war dies auch kein Problem. Die Jugendherberge bietet für 16 € pro Nacht ein eigenes Doppelzimmer und ist sehr zu empfehlen (www.hostelshanghai.cn).

Von dort aus ging es weiter ins Aquarium mit dem längsten Tunnel-im-Aquarium der Welt. Eigentlich wollte ich die Ski Halle in Shanghai ausprobieren, doch bin ich mit meinem Vorhaben unter den anderen Interns unverständlicherweise bisher auf wenig Resonanz gestoßen. Na ja, vielleicht klappt das doch noch. Das Aquarium hat außer dem Tunnel, der wirklich sehr beeindruckend ist, noch eine große Anzahl kleinerer Becken zu bieten.

längster durchsichtiger Unterwassertunnel im Shanghai Aquarium

Nach dem Aquarium führte unser Weg durch den Tourist Tunnel unter dem Fluss durch zum sogenannten Bund. Durch den Tunnel wird man in kleinen Gondeln gebracht und die ganze Fahrt erinnert eher an eine Geisterbahnfahrt auf dem Volksfest. Überall Lichter, Beamer, Leuchtketten und dazu eine allzu komische Musik. Doch genau auf dieses Leuchten und den Kitsch scheinen Chinesen total abzufahren.

Auf der anderen Seite angekommen, war die Enttäuschung über den Bund groß. Laut Reiseführer sollte dieser einen tollen Ausblick auf die Skyline in Pudong bieten. Der Bund ist zur Zeit jedoch eine einzige große Baustelle und soll zur Expo 2010 fertig gestellt werden. Trotzdem befinden sich auf dieser Seite noch einige beeindruckende Gebäude aus der Kolonialzeit, in denen heute teure Mode Labels ihre Filialen haben.

Baustelle Bund mit Blick auf Pudong

Am Abend ging es dann nach Pudong in den Jin Mao Tower, das zweit höchste Gebäude Shanghais und den siebt höchsten Wolkenkratzer der Welt. An dieser Stelle seien mal ein paar Worte zu dem Superlativissimus angebracht. Überall in China findet man das Größte, Längste, Schnellste oder Höchste. Interessant ist jedoch, dass bei genauem Hinschauen immer Einschränkungen gemacht werden: Der längste Tunnel in einem Aquarium ist nur der längste, weil er durch 6 verschiedene Becken geht. Der größte LED-Screen befindet sich hier in Suzhou, ist aber nicht wirklich der größte, nur der längste. In der Liste der höchsten Bauwerke ohne Einschränkungen befinden sich sehr viele abgespannte Sendemasten. So war ein Sendemast in Polen bis zu seinem Einsturz im Jahr 1991 das höchste Bauwerk der Welt und nicht etwa ein Wolkenkratzer. Aus diesen Gründen bezeichnete ein anderer Praktikant diesen Größenwahn auch als Paralymics.

Im Jin Mao Tower jedenfalls sind wir aus den touristischen Pfaden ausgebrochen und nicht in den 88. Stock zur Aussichtsplattform gefahren, sondern in den 87. Stock in die Bar “Clowd 9″ oberhalb dem Hyatt Hotel. Hier kostet ein Cocktail um die 10 €, ein für den Ausblick ganz akzeptabler Preis. Die Bar ist übrigens die höchste der Welt, zumindest über Grund.

Blick auf den Fehrsehturm vom Cloud 9

Anschließend wagten wir noch einen Blick in die mit 135 m höchste Hotellobby der Welt und begaben uns auf die Nanjing Lu, die Haupteinkaufsstraße in Shanghai. Dort und auch an allen anderen öffentlichen Plätzen fielen mir die unglaublichen Menschenmassen besonders auf. Menschenströme, wie ich sie bisher nur nach Fussballspielen oder Messen kannte, wenn sich die Leute in die Züge oder zu den Parkplätzen begeben, sind in Shanghai alltäglich. Das macht einen Besuch der Stadt allerdings auch ziemlich anstrengend.

Nanjing Lu am Samstag Abend

Am nächste Tag begaben wir uns zu einem “Gifts and Fashion Market”, den man zurecht auch Fake-Market nennt. Hier gibt es sämtliche Produkte wie Uhren, Taschen, Hemden, Hosen, Schuhe und elektronische Geräte mit den entsprechenden Markennamen zu sehr günstigen Preisen, jedenfalls mit ein wenig Verhandlungsgeschick. Natürlich alles Originale :)

Bevor es wieder zurück nach Suzhou gehen sollte, haben wir noch das chinesische Viertel rund um den Yu-Garten besucht, der aber leider schon geschlossen hatte. Auch hier drängten sich unglaublich viele Menschen pro m², doch das Viertel bietet einen krassen Gegensatz zu den Wolkenkratzern gegenüber des Bundes in Pudong.

Menschenmassen im chinesischen Viertel um das Teehaus

Alles in allem ein schönes aber auch anstrengendes Wochende in einer Stadt mit Menschenmassen, viel Verkehr und vor allem Baustellen, so dass ich dort momentan nicht leben will.


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